Digitalisierung, agile, disruptiv?

Ersatzreligionen der Moderne.

Seit der Säkularisierung und Aufklärung ist der Mensch in der Moderne orientierungslos und sucht nach Sinn. Anders ist es nicht zu erklären, dass Themen und Begriffe in rasantem Tempo den Charakter von Religionen gewinnen. Menschen rennen Begriffen und Themen hinterher als wäre ein neuer, digitaler Jesus erschienen. Die Fähigkeit zur Reflexion und Abwägung wird ersetzt durch Konformismus und Technologie-Gläubigkeit.

Relevanz, Relevanz, Relevanz

Nachfrageorientierte Produktion von Artikeln ist nichts neues und war auch im klassischen Journalismus an der Tagesordnung. Ist ein Thema aktuell und von Interesse will jedes Blatt darüberschreiben und dabei sein. Durch die digitale Messbarkeit hat sich die Art der Contentproduktion in digitalen Zeiten verselbständigt. Man kann das sehr schön beobachten, wenn ein Prominenter stirbt. Fast schon im Sekundentakt sieht man die Eilmeldung der Verlage, jeder will dabei sein, jeder will die Klicks. Aus der Reaktionszeit zwischen DPA Meldung und Newsmeldung leiten mittlerweile digitale Experten die Qualität einer Newsredaktion ab - ein fraglicher Benchmark aus meiner Sicht.

Medien, Organisationen und Unternehmen besetzen Themen, Themen erhalten Reichweite und somit Relevanz. Dieser Effekt wird durch digitale Technologie beschleunigt und potenziert. Software unterstützt Autoren dabei Artikel SEO relevant zu schreiben, um im Google Ranking gut abzuschneiden. Welches Keyword fehlt, welches Keyword wurde zu oft verwendet, welcher Satzbau wird als verständlich oder schwer verständlich eingestuft. Autoren schreiben nicht mehr so wie sie es für richtig halten, sondern in der Semantik, die ein hohes Google Ranking erwarten lässt. Somit wird die sprachliche Expertise von Autoren formatiert, die einer Entmündigung gleichkommt.

Auf diese Art entsteht eine Art digitale Schwungmasse, die enorme Gravitationskräfte entwickelt. Und Buzzwords erhalten scheinbare Mega-Relevanz und Reichweite, die diese wie Religionen erscheinen lassen.

Digitalisierung als neues Testament 3.0?

Die Buzzwords der Stunde sind Digitalisierung, Agilität, kurz Agile oder auch Begriffe wie New Work und disruptiv. Heerscharen von Beratern und deren Autoren inszenieren mächtige apokalyptische Szenarien, um auch dem letzten Unternehmer klar zu machen, wer jetzt nicht hurtig digitalisiert, der stirbt. Das ist als Mantra selbstverständlich absoluter Blödsinn. Jede oder jeder Maler, Heizungsinstallateur, Krankenpfleger oder Hebamme lebt sehr komfortabel in der guten alten Welt und spürt nichts von V.U.C.A. oder disruption.

Das Croissant beim Bäcker morgens macht mit seinem Blätterteig einen immer noch krümelig-analogen Eindruck und die Stichsäge des Schreiners gehorcht auf die Bewegung des Arms und nicht des Smartphones.

Dennoch ist es natürlich unbestreitbar, dass die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung Auswirkungen hat auf nahezu alle Bereiche des Lebens. Und somit auch auf den Aspekt Wirtschaft und Arbeit. Digitale Systeme verbinden Menschen auf dem gesamten Globus - in Echtzeit. Indische Radiologen erstellen über Nacht Diagnosen für Kliniken in L.A., Callcenter werden komplett ausgelagert nach Bulgarien und IT-Entwicklungsabteilungen coden in Bangladesh.
Für Organisationen ist das Thema Digitalisierung relevant, es steht für Weiterentwicklung. Das war jedoch schon immer so. Organisationen, die nicht fähig waren, sich weiterzuentwickeln, hatten entweder ein unanfechtbares Monopol oder die Lebenserwartung war begrenzt. Ob in der Metallbranche der Einsatz von CNC Maschinen, in Verwaltungen und Büros die Einführung von Personal Computern oder in der Fertigung der Einsatz von Robotern.
Fortschritt war schon immer - angefangen beim Rad bis hin zum atomar betriebenen U-Boot.
Also woher kommt jetzt dieser Hype, der zunehmend den Charakter einer neuen Religion bekommt?

Digitale Schwungmasse trifft auf Businessmodelle

Der Grund, warum das Thema Digitalisierung medial so befeuert wird, liegt an Synergien. Zum einen hat das Thema tatsächlich eine Relevanz für Organisationen. Technologie und Zeitgeist bieten Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle, die Optimierung interner Abläufe und eine Flexibilisierung der Arbeit.

Ein weiterer Grund ist die triviale Tatsache, dass alle Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf digitaler Technologie aufbaut, dieses Thema mit allen Möglichkeiten versuchen in das öffentliche Bewusstsein zu drücken. Unter Ausnutzung digitaler Kanäle wie Facebook, Linkedin oder Xing findet hier eine digitale Dauerbeschallung statt, die aus dem rationalen Thema „Fortschritt“ eine Art digitale Religion entstehen lässt.

Bei einer durchschnittlichen Conversion von ca. 3% kann man sich ausmalen wie viel digitaler Content in die Kanäle geschüttet werden muss, um das zu generieren, was man im Vertriebssprech einen Lead nennt. Und je mehr digitaler Content zu diesen Themen publiziert wird, desto größer wird die Relevanz für den Google Bot. Eine dynamische Spirale, dessen Ausrichtung auf Quantität setzt, nicht auf Qualität. Und diese Faktoren sorgen dafür, dass selbst Medien wie TV-Zeitschriften um dieses Thema nicht mehr herumkommen.

Und jetzt alle agile - hopp

Immer, wenn Themen zu einem Megatrend werden, tritt eine Verselbstständigung ein. Das führt dazu, dass Sinnhaftigkeit, wirkliche Relevanz und Kosten-Nutzen-Rechnungen ausgeblendet werden. Alle wollen mitreden, dabei sein und vor allem mitmachen. Das führt zu grotesken Entwicklungen, die Organisationen nicht nur viel Geld kosten, sondern auch die Motivation und Bereitschaft von Mitarbeitern strapaziert oder sogar zerstört.

Ein wunderschönes Beispiel hierfür ist das Thema Agiles Projektmanagement. Das System des agilen Projektmanagements mit dem zentralen Aspekt Scrum basiert auf der Software-Entwicklung. Die Entwicklung von Software stellt ein wirklich komplexes Unterfangen dar mit sehr besonderen Rahmenparametern.

Zum einen sind dafür absolute Spezialisten notwendig, die aufgrund Ihrer besonderen Begabung und Ausbildung, nicht zu Unrecht als Nerds bezeichnet werden. Zum anderen besteht eine moderne komplexe Software aus tausenden Zeilen Code und kann nur von mehreren Entwicklern gleichzeitig bewältigt werden. Die Software funktioniert nur dann, wenn diese Einzelteile zusammenpassen und sich daraus ein funktionierendes Ganzes entwickelt. Die IT Branche hat über Jahre festgestellt, das die Entwicklung von großen Softwareprojekten oft im Sand verläuft. Weil die Komplexität selbst durch erfahrene Projektmanager nicht so organisiert werden konnte, dass am Ende ein funktionierendes Produkt herauskommt.

Ein bekanntes Beispiel dafür war die Entwicklung einer Software für die Agentur für Arbeit. Letztlich wurde nach sechs Jahren Entwicklungszeit und einem Budget von 60 Millionen Euro das Projekt eingestellt. Das ist im IT Geschäft kein Einzelfall. Ich selber war Zeuge einer Softwareentwicklung, die nach 6 Monaten Entwicklungszeit eines 12-köpfigen Teams wegen fehlender Lauffähigkeit eingestellt wurde.
Folglich war vielen Akteuren in der IT Branche klar, dass man ein spezielles System benötigt, um komplexe Softwareprojekte erfolgreich realisieren zu können. Als Resultat wurde das Agile Projektmanagement entwickelt. Die Grundidee ist einfach. Man verteilt die Rolle des Projektmanagers auf mehrere Rollen. Der Produktowner als Rolle, die weiß, welche Anforderungen an das Produkt gestellt werden. Der Scrummaster als Moderator des Entwicklungsprozesses und eventuell noch Sponsoren, die außerhalb des Projektes stehen, aber Anforderungen definieren. Der gesamte komplexe Prozess wird unterteilt in kleine überschaubare Segmente (Sprints), die nach konkreten, für diesen Zeitabschnitt definierten Anforderungen, bearbeitet werden. Ständiges Feedback und persönliche Absprachen stützen den gesamten Prozess.

Ein wesentliches Merkmal des Agilen Projektmanagements ist die Fähigkeit, auf neue Erkenntnisse, die sich aus dem Prozess ergeben, sehr flexibel und produktiv reagieren zu können.
Es ist unbestreitbar, dass die Methodik des Agilen Projektmanagements Vorteile besitzt, die sich vor allem bei der Neuentwicklung von Produkten gewinnbringend bemerkbar machen.
Allerdings setzt das voraus, dass ALLE im Team diese Methode lernen und verbindlich anwenden müssen. Das wiederum ist nur möglich, wenn man im Vorfeld die Zeit investiert, das Team in dieser Methode gründlich zu schulen. Was wiederum nur möglich ist, wenn Mitarbeiter diese Zeit investieren können und wollen. Weiterhin ist es sinnvoll, das Üben in der neuen Methode nicht direkt an dem relevanten Projekt zu vollziehen, da man noch gar nicht weiß, ob die Methode so in der Organisation umsetzbar ist.

Die Methode Agiles Projektmanagement ist mittlerweile zur Religion mutiert. Alle wollen es, alle probieren es. Es ist der neue Messias im Projektmanagement geworden. Selbst bei Projekten wie Eventmanagement, Organisieren eines Umzugs oder der Auswahl einer neuen Kaffeemaschine. Wir sind agile - hip hip hurra.

Aus meiner persönlichen Erfahrung ist agiles Projektmanagement vor allem deswegen so „erfolgreich“, weil es sehr schwierig ist, einen kompetenten Projektmanager zu finden, der die verschiedenen Rollen in einer Person vereinen kann. Denn die Fähigkeit Projekte holistisch wahrzunehmen ist eine sehr spezielle Fähigkeit, die dem Spezialistentum diametral gegenübersteht und heute auch nicht Bestandteil des Curriculums bei Studienfächern ist.

Der homo Digitalis ist auf dem Irrweg

Die Entwicklung der digitalen Technologie hat unsere Welt massiv verändert. Das beginnt bei oberflächlichen Handlungen wie die exorbitante Benutzung von Computern oder Smartphones und geht weiter bei sozialen Verhaltensweisen. Aus meiner Sicht ist die Bilanz insgesamt verheerend. Der stumme Irrweg des Homo Digitalis, der Tippen wichtiger findet als Reden, erzeugt einen Kollateralschaden, der sich sowohl finanziell als auch sozial ausdrückt. Die Evolution hat tausende von Jahre benötigt, um dem Homo Sapiens das Sprechen beizubringen. Das Internet benötigt 15 Jahre, um es dem Menschen wieder abzugewöhnen. Es wird getippt was die Finger hergeben. Die Qualität der Kommunikation sinkt rapide, die Quantität steigt exponentiell. Das persönliche Gespräch, sei es von Angesicht zu Angesicht oder am Telefon wird ersetzt durch Tippen. Das Fehlen von Betonung erzeugt eine derart hohe Ambiguität bei gleichzeitiger Bedeutungslosigkeit, die Kommunikation schnell ad absurdum führt. Das kann man eindrucksvoll bei Diskussionen bei Facebook beobachten. Oder bei SMS oder WhatsApp Diskussionen, die schneller aus dem Ruder laufen als man tippen kann. Man sieht es und greift trotzdem nicht zum „Hörer“.
Oder wie Dieter Nuhr es formulierte: „Wir können jetzt noch mehr kommunizieren, haben uns aber nichts mehr zu sagen.“

Mittlerweile gibt es Unternehmen, die im E-Mail Footer keine Telefonnummer mehr angeben. Menschen schicken sich E-Mails bis zur Bewusstlosigkeit und diskutieren schriftlich Sachverhalte, die mit einem drei Minuten Telefonat schnell geklärt wären.Das Digitale ist selbstreferentiell geworden. Es geht nicht mehr um Erleichterung oder Sinnhaftigkeit, sondern um einen ausufernden und destruktiven Gebrauch. Als Reaktion auf eine nicht beantwortende E-Mail schicken wir noch eine E-Mail hinterher, obwohl wir selber unter der Last von E-Mails zusammenbrechen.

Die Wirkungslosigkeit von digitaler Kommunikation zeigt sich am eindrucksvollsten beim digitalen Marketing. Wenn man drei E-Mails oder Telefonate erhalten würde, bei 100 persönlichen Gesprächen auf einem Event, würde man abends in den Spiegel schauen und sich fragen, was da schiefgelaufen ist.

Von Digitalisierung bis New Work

Technologie erweitert die natürlichen Fähigkeiten von Menschen. Das betrifft im Besonderen auch auf digitale Technologie zu. Sinnvoll eingesetzt können digitale Systeme die Produktivität und Effektivität erhöhen, Kommunikation vereinfachen, Organisieren erleichtern oder verbessern, mehr Transparenz und Übersicht verschaffen oder einfach unsere täglichen Prozesse erleichtern und unterstützen.

Allerdings steht, von wenigen Ausnahmen der totalen Automatisierung abgesehen, der Mensch immer im Fokus von Prozessen. Und Menschen haben komplexe Bedürfnisse, die sich nur bedingt durch digitale Systeme abbilden lassen.
Die Einführung digitaler Systeme muss also mit Weitblick und Sensibilität in den Kontext Mensch gestellt werden. Denn aus der Benutzung digitaler Systeme entstehen in der Regel Konsequenzen, die sowohl positiv als auch negativ bewertet werden können, je nach Perspektive des Menschen, der sie nutzt.

Digital Collaboration Systeme und mobile Geräte wie Laptop, Tablet und Smartphone ermöglichen die Zusammenarbeit von Menschen jenseits von Ort und Zeit. Das erscheint auf den ersten Blick als ein deutlicher Zugewinn von Freiheit und Flexibilität, verändert jedoch auch die Kontexte wie wir arbeiten und leben.
Ob die Existenz digitaler Systeme uralte Wünsche nach Selbstbestimmung, Freiheit und Zugehörigkeit erfüllen können liegt vor allem daran wie wir diese Werte persönlich bewerten und definieren.

Für den einen ist die Möglichkeit die ersten drei Stunden oder auch ganze Tage alleine im Home-Office zu arbeiten eine reizvolle Vorstellung, die sich mit dem Wort Freiheit und Flexibel verbinden lässt.

Für andere wird dieses Arbeitsmodell bedeuten, die private Wohnung als Rückzugsort aufzugeben und mit Arbeit zu „kontaminieren“. Hier gibt es kein falsch oder richtig, denn letztlich entscheidet das jeder für sich selbst.

New Work als verheißungsvolles Modell für eine Arbeit der Zukunft, die basiert auf den Werten Selbstbestimmung, Freiheit und Partizipation, ist gerade ein Thema in vielen Artikeln und Blogs. New ist an dem Thema nichts. Diese Werte haben schon die Geister der alten Philosophen bewegt und im Zeitalter der Industrialisierung die Kollegen Marx und Engels.

Diese Werte, die unter dem Sammelbegriff New Work zusammengefasst werden, bedeuten einen generellen Wandel in der Art wie Organisationen geführt werden. Wenn man es überspitzt formuliert werden aus Unternehmen Genossenschaften. Ob das Managern klar ist und ob die bereit sind, sich auf diesen Weg einzulassen, wird die Zukunft zeigen. Der Treiber für solche Veränderungen kommt aus zwei Richtungen.

Zum einen müssen viele Organisationen beweglicher und agiler werden, um im Kontext des Marktes und den Mitbewerbern Schritt halten zu können. Zum anderen sind vor allem potentielle jüngere Mitarbeiter nur noch bereit in einem Unternehmen zu arbeiten, dass zumindest wesentliche Faktoren von New Work schon lebt und als Arbeitsmodell anbietet. Da diese beiden Faktoren externe Treiber sind, darf bezweifelt werden, dass die Motivation nach einem fundamentalen Umbau von Organisationen intrinsisch ist. Ob Manager und Inhaber sich dem „Druck“ dieser Treiber beugen werden und falls ja, wie dieser Kulturwandel dann vollzogen wird, ist eine spannende Frage. Ein weiterer Aspekt hierbei ist, ob gegen den Widerstand von Mitarbeitern ein solcher Umbau stattfinden kann. Die Grundeinstellung zum Job kann nicht so leicht verändert werden wie ein Betriebssystem auf einem Computer.
Erfahrene Change-Manager gehen sogar so weit, dass man die Einstellung von Menschen so gut wie gar nicht fundamental verändern kann. Schon gar nicht durch ein paar Team-Workshops.
Digitalisierung ist eine Entwicklung unserer Zeit, die nicht mehr zurück zu drehen ist. Wie jede neue Technologie bietet auch Digitalisierung und Vernetzung neue Möglichkeiten, die mit Chancen und Risiken verbunden sind.

Eine Verherrlichung als neue Religion ist daher mehr als kritisch zu sehen. Denn Religion hat in den seltensten Fällen dazu geführt, dass Entscheidungen aufgrund von rationalen Argumenten getroffen wurden.

 

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