Arbeiter

Ich arbeite, also bin ich. Oder?

Lohnarbeit im Kontext von Zeit, Wert und Sinnhaftigkeit.

Es ist schon 35 Jahre her als einer der größten Arbeitskämpfe der IG Metall in Deutschland geführt wurde. Der Kampf für die 35 Stunden Woche in der westdeutschen Metallindustrie. 

Aktuell erleben wir im Herbst des Jahres 2019 ein Revival. Die IG Metall versucht das Modell aus dem Westen Deutschlands auf Ostdeutschland auszuweiten - ohne Erfolg. 

Der Kampf um kürzere Arbeitszeiten ist so alt wie die Lohnarbeit selber. In der Zeit der Industrialisierung schufteten die Arbeiter oft mehr als 12 Stunden am Tag und das sechs Tage die Woche. Diese Ausbeutung der Arbeiter entsprach dem damaligen Zeitgeist. Menschen waren Sklaven der aufkommenden Industriegesellschaft und nichts mehr als eine Ressource, die es auszubeuten galt. Der zunehmende Einsatz von Maschinen erforderte Menschen, die diese bedienen oder beliefern und sich dem Takt der nicht müde werdenden Maschinen anpassen. 

Die Arbeitswelt von heute hat sich in vielen Branchen verändert. Der Output in Jobs eines Marketingexperten, eines Managers, eines Vertrieblers oder Designers kann nicht so leicht gemessen werden wie die Arbeit eines Metallarbeiters, der Werkstücke produziert. Das gleiche gilt für die Bewertung von Qualität. Dort wo normative Qualitätskriterien fehlen wie ein Soll-Maß oder ein Gewicht sind objektive Bewertungskriterien schwierig. 

Wenn Qualität nicht objektiv meßbar ist bleibt als einziger Ausweg eine meßbare Quantität. Diese Quantität lässt sich am leichtesten herstellen über Arbeitszeit. Daraus abgeleitet ist ein Mantra der Arbeitswelt, wer früher anfängt oder länger bleibt gilt als strebsam, fleissig, flexibel und ehrgeizig. Ob dieses Arbeitszeitmodell wirklich qualitativ bessere Ergebnisse erzielt, bleibt eine Vermutung. Doch der Mensch greift nach Begreifbarem.

Studien belegen seit langem, dass Menschen, die weniger Stunden pro Tag arbeiten, wesentlich effektiver und produktiver sind. Doch diese Erkenntnisse scheint HR-Abteilungen oder Management-Boards nicht sonderlich zu interessieren. Wer acht Stunden da ist verhält sich korrekt und hat sein Soll erfüllt. 

Das Mindset hinter dieser Haltung kann zeitlich da eingeordnet werden wo Bismarck die Sozialgesetzgebung eingeführt hat. Im Übrigen nicht aus Solidarität mit den Arbeitern, sondern um der erstarkten Linke den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Wie kann die Leistung von Mitarbeitern bewertet werden, wenn objektive Kriterien fehlen? Was kann an die Stelle von Arbeitszeiterfüllung treten, um eine faire Bewertung und Entlohnung zu gewährleisten? 

Ein Wort, dass immer grössere Bedeutung gewinnt ist das Wort Vertrauen. Stand früher noch das Wort Kontrolle an allerster Stelle für Führung ist nun das Wort Vertrauen angesagt. Jeder, der selber schon Führungsaufgaben hatte, und sei es auch nur als Projektmanager, wird bei dem Gedanken, Kontrolle durch Vertrauen zu ersetzen, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bekommen. Denn jemanden zu vertrauen bedeutet loslassen. Loslassen kann man allerdings nur dann mit gutem Gewissen, wenn man davon überzeugt ist, dass der Überblick, das Verständnis und die Bereitschaft bei Mitarbeitern genauso groß ist wie bei einem selbst als Führungskraft. Ups - was unterscheidet dann eigentlich den Mitarbeiter noch vom Leader? Woher beziehe ich als Führungskraft meine Legitimation? Was bedeutet dann noch Führung? Oder die Position eines Abteilungsleiters? 

Alle derzeit diskutierten Arbeitszeitmodelle bauen im Kern auf mehr Vertrauen auf. Die Vertrauensarbeitszeit trägt das Wort sogar in seinem Namen. Bei der Funktionsarbeitszeit bspw. haben Mitarbeiter keine verpflichtenden Arbeitszeiten mehr. Die Arbeitszeit teilt sich jeder selber ein. Aus Anwesenheitspflicht wird Funktionszeit. Was zählt ist am Ende, dass die Funktionen bereit gestellt werden zum entsprechenden Zeitpunkt. Die Abstimmung erledigt das Team intern.

Wie bei allen Systemen bieten auch Arbeitsmodelle Vor- und Nachteile. Doch die Diskussion über Arbeitszeitmodelle geht am wahren Kern des Themas Arbeit vorbei. Die wirklich elementare Frage ist: Welchen Stellenwert bemessen wir der Lohn-Arbeit überhaupt? Die bekannte Frage: Arbeitest du, um zu Leben oder lebst du, um zu arbeiten bringt die Sache schon sehr genau auf den Punkt. 

Wer sich öfter auf Plattformen wie Xing oder Linkedin herumtreibt gewinnt schnell den Eindruck, dass Arbeit für viele eine Art Ersatzreligion geworden ist. Dort wird über Arbeit, Selbstoptimierung, mehr Umsatz, mehr Leads, höhere Conversion gepostet als ginge es um nichts weniger als den Weltfrieden oder den Sieg über Krankheiten. Ein digitales Manifest, dass die Arbeit, das Business oder den Job aussehen lässt als gäbe es nichts wichtigeres im Leben. 

Wie Norbert Bolz, der streitbare Professor für Medienwissenschaften an der TU Berlin, einmal in einem Vortrag so schön formulierte: Workoholic ist ein fantastisches Lebenskonzept. Man bekommt ständig Feedback, hat das Gefühl, man wird gebraucht und hat keine Zeit über wirklich wichtige Dinge nachzudenken. Aber es geht um noch mehr. Es geht für viele Menschen auch um Identität. Wer von uns kennt nicht die Eröffnungsfrage im Small-Talk: …und was machst du so beruflich? Sie dient uns als erste grobe Orientierung, um ein Gegenüber schnell einordnen zu können. Warum eigentlich? Würde uns die Frage: Welcher Song kickt dich gerade so richtig nicht unter Umständen viel mehr oder wichtigeres über die Person erzählen? 

Wirtschaft ist selbstverständlich in einem kapitalistischen System die tragende Säule. Daraus abgeleitet ist die hohe Bedeutung von Lohn-Arbeit folgerichtig. Die Ware „Arbeit“ oder besser „der Arbeitsplatz“ ist für viele der Garant für Wohlstand. Wer keine Arbeit hat kann an diesem Wohlstand nicht oder nur sehr eingeschränkt teilnehmen. Ausnahmen wie ein erhaltenes Erbe, Kapitalerträge aus Eigentum oder ein Lottogewinn bilden hier natürlich die Ausnahme. 

Interessant wird diese Thematik, wenn durch die fortschreitende Digitalisierung viele Arbeitsplätze wegfallen wie es einige Denker vorhersagen. Was passiert dann mit einer kapitalistischen Gesellschaft, wenn ihr gewissermaßen der Sprit ausgeht? Kann der moderne Mensch ohne die identitätsstiftende Komponente Arbeit überhaupt existieren? Selbst wenn sein Überleben durch ein bedingungsloses Grundeinkommen gesichert wird, was passiert dann mit dem Homo Sapiens? Wird er sich als Homo Digitalis in virtuellen Räumen und Welten verirren und irgendwann sabbernd in der Ecke sitzen und sein Smartphone streicheln? Oder wird er frustriert und sich nutzlos fühlend vor seinem Flatscreen mit Chips degenerieren? Oder sich alternative Beschäftigung suchen, die vielleicht auch noch auf das Allgemeinwohl einer Gesellschaft einzahlt. 

Die Welt ist in Bewegung. Das war sie immer. Wohin uns dieser Weg führen wird bleibt offen. Fakt ist, dass es bis auf Steve Jobs wohl nur sehr wenige Menschen gibt, die im Angesicht eines schwindenden Lebens über zu wenig Arbeit oder Erfolg reden werden. Arbeit als Mittel zum Zweck, fein. Arbeit als Selbstzweck sollte diskutiert werden.

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